Wie der Edelstahl in die Küche kam.

in: Katalog OIKOS, Von der Feuerstelle zur Mikrowelle, Ausstellung des Deutschen Werkbund Baden-Württemberg im Landesgewerbeamt Stuttgart und Museum für Gestaltung Zürich, Redaktion und Konzeption Michael Andritzky, Anabas Verlag Giessen 1992

Es lässt sich nur sehr schwer vorstellen, welche Vorzüge der neue Werkstoff Edelstahl verkörpert, wenn man nicht, wie unsere Mütter und Grossmütter das noch mussten, sich mit den Unzulänglichkeiten der gebräuchlichen Werkstoffe für die Küche und für den Tisch herumschlagen musste.
Die Messerklingen mussten gescheuert werden, die Messingpfannen immer vom Grünspan befreit sein, die Gusseisenpfannen am Rosten gehindert werden, die Kupfertöpfe poliert sein, auch wenn sie innen verzinkt waren. Erst recht anfällig waren die Kannen und Eimer aus verzinktem Blech, die billigen Blechwaren für die Küche und den Tisch der armen Leute. Auch die Töpfe und Pfannen aus Email, das Geschirr des einfachen Mannes, sie waren anfällig und begannen zu rosten, wenn das Email einmal abgesprungen war.
Das versilberte Besteck aus Alpaca scheuerte durch und war nicht mehr hygienisch. Auch Aluminium fällt im Vergleich zu Edelstahl ab, es korrodiert und mag keine Säuren.
Im bürgerlichen Haushalt gab es nicht zuletzt aus diesen Gründen die Trennung in Koch – und Tischgerät. Gusseisen, Email Kupfer und Messing blieben in der Küche. Sie galten als nicht “tischfein”.
Für den Tisch hatte man Steingut oder Porzellan, ein Alltags – und ein Repräsentationsgeschirr. In den besseren Kreisen und der gehobenen Hotellerie gab es auch Silber, das edelste und traditionsreichste Metall für den Tisch.
Nun erschien da ein neuer Werkstoff, der vorzügliche Eigenschaften mit sich brachte; er war nicht rostend, robust, hygienisch, in Mengen verfügbar, attraktiv und erschwinglich.

Die stille Revolution begann bei Krupp.

Die deutschen Ingenieure Benno Strauss und Eduard Maurer erfanden nach langjährigen Versuchen in der Chemisch-Physikalischen Versuchsanstalt der Gussstahlfabrik Friedrich Krupp in Essen eine Legierung, die nicht mehr rostete. Durch Zulegieren von Chrom und Nickel entstand ein Werkstoff mit besonderen Eigenschaften.
Clemens Pasel sicherte diese Erfindungt für die Firma Krupp und erhielt 1912 dafür zwei kaiserliche Patente, die ihm die Herstellung nicht rostender Stähle schützten. Edelstahl ist ein Sammelbegriff für die nichtrostenden Stähle. Sie sind unter verschiedenen Handelsnamen bekannt wie z. B. V2A, V4A, NIROSTA, Remanit oder Cromargan.
Um sich von den anderen, im Maschinenbau und im Bauwesen verwendeten Edelstählen mit wesentlich anderen Eigenschaften zu unterscheiden, hat sich für die Küche und die Lebensmittelindustrie der Begriff “Edelstahl Rostfrei” durchgesetzt.
Seitdem der neue Werkstoff in den 50er und 6oer Jahren auch auf dem Tisch Eingang gefunden hatte, hat er beachtliche Wachstumsraten zu verzeichnen. Von 1950 bis 1988 ist die Erzeugung von Edelstahl auf das 30fache, auf 1,2 Mio Tonnen gestiegen. In der Bundesrepblik sind 1 800 Verarbeiter im Warenzeichenverband “Edelstahl Rostfrei e.V.” zusammengeschlossen und verwenden das eingetragene Warenzeichen.
Um diese Bedeutung zu erlangen, musste der neue Werkstoff sich aber erst behaupten und seine vorzüglichen Eigenschaften unter Beweis stellen. Es gab natürlich auch den ernsthaften Widerstand der traditionellen Werkstoffe, die sich nicht einfach verdrängen lassen wollten und es mussten Wege gefunden werden, den Handel und den Verbraucher für das neue Material zu gewinnen.

Profis waren die Pioniere.

1921 erschien das erste rostfreie Besteck der Solinger Firma Hammerfahr auf der Leipziger Frühjahrsmesse. 1928 gab es schon Milchkannen
aus Edelstahl, die prämiiert wurden und 1929 verwendete die Fa. Crysler Edelstahl für den Turmhelm ihres 32o m hohen Wolkenkratzers
in New York. Das alles waren prestigeträchtige Objekte, die halfen, den neuen Werkstoff Edelstahl zu popularisieren.
Den Durchbruch aber schafften die Profis in der Küche, die Köche in den Grossküchen, die Lebensmittel – und Getränkeindustrie und die Gastronomen, die sich davon mehr Hygiene, grössere Robustheit und Arbeitserleichterungen versprachen.
Zuerst waren es auch deshalb die Professionellen, an die sich die Industrie wandte. Man folgte ganz selbstverständlich dem bekannten Prinzip im Marketing, dass sich neue Technologien und neue Werkstoffe zuerst im Profibereich bewähren müssen, um dann im Konsumgüterbereich
eingeführt werden zu können. Die Profis haben auch sogleich die Vorzüge des neuen Materials erkannt. Vor allem aber waren es die Köche in den Hotelküchen und Kantinen, die dem neuen Werkstoff zu Ansehen verhalfen. Die Edelstahlgeräte für die Grossküche waren unprätentiös, praktisch und noch nicht mit gestalterischen Absichten behaftet. Es waren zumeist Werksentwürfe, grob und robust, nicht “gestylt”, mit dem Charme des noch Anonymen, die ihre Wertschätzung aus ihrer Tauglichkeit bezogen. Nicht wenige davon werden deshalb von Hobbyköchen gekauft und geschätzt, weil ihnen die Privatküche suspekt aber die Profiküche Vorbild ist.

Die Designer haben Edelstahl “tischfein” gemacht.

Seinen Siegeszug hat der Edelstahl eigentlich erst nach dem zweiten Weltkrieg angetreten. Es waren wohl die skandinavische Firmen, die als erste das Material Edelstahl bewusst gestalteten.
In den 50er und 60er Jahren waren dann viele Gestalter mit der Formgebung des neuen Materials beschäftigt und haben Pionierarbeit geleistet. Ein Blick in die Ausstellungskataloge jener Zeit enthüllt, dass es renommierte Formgestalter waren, (so nannte man sie hierzulande), die den Auftrag erhielten, Küchen – und Tischgeräte in Edelstahl zu entwerfen.
In Skandinavien waren die Auswirkungen des Krieges nicht so einschneidend und die Entwicklung deshalb kontinuierlich. Das skandinavische Design nach dem Kriege war Vorbild, vor allem im Wohnbreich. Es war leicht und freundlich, praktisch und erschwinglich.
Es war farbig und undogmatisch, war sich seiner Tradition bewusst und verkörperte eine menschliche und demokratische Gesellschaft. Bei der Gestaltung von Edelstahl hat die handwerkliche Tradition in der Verarbeitung von Silber sicher auch eine Rolle gespielt, obwohl der Edelstahl eine ganz andere Verarbeitung erfordert.
Sigurd Persson entwarf 1952 ein Satz Schüsseln aus rostfreiem Stahl für ‘Silver und Stahl’ und ein Besteck für ‘Kooperativa Förbundet’ in Schweden, das 1953 in Produktion ging. Harald Nielsen entwarf zur gleichen Zeit eines für ‘Vaco’, Dänemark, Arne Jacobsen 1957 ein weiteres für ‘Michelsen’, ebenfalls Dänemark.
Dem folgte ab 1964 eine ganze Kollektion von Tischgeräten für ‘Stelton’, Dänemark, die internationale Beachtung fand und in Teilen noch heute zu finden ist.
Aber auch andere wichtige Unternehmen in Europa haben sein Potential für den Privatbereich ausgemacht. Sie haben vor allem erkannt, dass der Edelstahl “veredelt” werden muss, um als Konkurrenz zum Silber auf dem bürgerlichen Tisch Eingang zu finden.
In Italien waren es Carlo Mazzeri, Luigi Massoni und Anselmo Vitale, die ab 1956 als erste freiberufliche Gestalter für ‘Alessi’ entwarfen und die Aufgabe hatten, dem Edelstahl einen zeitgemässen Ausdruck zu verleihen. Zuvor gab es aber schon ein Edelstahlprogramm, das Programm 3, welches 1944 vom hausinternen Büro entwickelt wurde. Es war ein Billigprogramm für das Kaufhaus, das sich stilistisch am barocken Tafelsilber orientierte und sich in Teilen auch heute noch grosser Popularität erfreut.
Bei ‘Alessi’ wird das auch nicht als diskriminierend empfunden, weil ihr der Dogmatismus nördlich der Alpen fremd ist. ‘Alessi’ ist für die designorientierten italienischen Firmen typisch, weil sie über Generationen hinweg es immer verstanden hat, namhafte Gestalter zu beauftragen und ihnen Freiräume gelassen hat. Wohl kaum eine Firma kann wie sie, in ihrer Firmengeschichte auf 53 Entwerfer verweisen, die für sie gearbeitet haben. Das eigene Entwicklungsbüro und der ständige Bezug zur Gastronomie haben immer für Marktnähe und Wirtschaftlichkeit gesorgt.
In Deutschland war es vor allem Wilhelm Wagenfeld, der für die
‘WMF’ prototypische Entwürfe lieferte, die dem Werkstoff zu Popularität verhalfen. Wie kein anderer hat er die Eigenschaften des neuen Materials erforscht und daraus eine werkstoffgerechte Gestaltung entwickelt. Zwischen den Jahren 1954 und 1965 sind ein halbes Dutzend Patente und Gebrauchsmuster auf seinen Namen eingetragen. Viele der damals gestalteten Edelstahlgeräte sind heute noch auf dem Tisch zu finden.
Wagenfeld hatte einen Ruf als Gestalter für die Glasindustrie in der Lausitz und wurde von einem der weitsichtigen Direktoren der
‘WMF’ und dem Landesgewerbeamt nach Stuttgart geholt, wo er für beide tätig war. Als Bauhausschüler brachte er die dort entwickelten Ideen mit und hat sie, das ist sein grosser Verdienst, vom Dogmatismus der 20er Jahre befreit und marktfähig gemacht.
In vielen Schriften hat er seine Gestaltungsauffassung dokumentiert und damit auch die nachfolgenden Generationen geprägt.
Die ‘WMF’ hatte sich schon früh den Handelsnahmen CROMARGAN schützen lassen und begann mit der Edelstahlfertigung 1927.
Die erste werksintern entworfene Kollektion war vornehmlich für den Hotelbedarf bestimmt. Schon früh erkannte man dort, dass man das schöne Material auf den Tisch bringen müsse und machte grosse Anstrengungen. Dazu gehörte auch, dass man den Namen “tischfein” prägte und für die ‘WMF’ eintragen liess.
Auch C. Hugo Pott muss in diesem Zusammenhabg erwähnt werden, der Fabrikant und Entwerfer in einem war. Seit 1955 entwarf und produzierte er Bestecke und Tischgeräte aus Edelstahl. Viele seiner Bestecke wurden auf den grossen internationalen Ausstellungen für ihre gestalterische Qualität und vorbildliche Verarbeitung ausgezeichnet.

Die Umsätze werden nicht mit den Vorzeigeprodukten der Designer gemacht.

Eine Aufzählung der für die Verarbeitung von Edelstahl bekannten Firmen und eine Auflistung der dabei beteiligten Gestalter könnte den Eindruck erwecken, dass von ihnen der Konsum an Kochutensilien und Tischgeräten gemacht und gesteuert wird. Der grösste Teil aber der Edelstahlproduktion besteht aus anonymen Produkten, die sich über viele Jahre entwickelt und bewährt haben. Neben den bekannten Firmen gibt es viele weniger bekannte mit brauchbaren Produkten, die nicht unerheblich zum gesamten Warenangebot beitragen.
Viele der bekannten Firmen machen oder machten ihren Umsatz mit den Allerweltsprodukten, dem was praktisch ist, täglich gebraucht und kaum bemerkt wird, ihr Renomme aber mit dem Spektakulären, das ins Auge fällt.

Laudatio auf einen Werkstoff

Edelstahl ist ein anspruchsvoller Werkstoff, der von seinen Verarbeitern viel abverlangt. Er ist ungemein zäh und erfordert viel mehr Arbeitsgänge als andere Metalle. Die für den Tisch verwendeten Legierungen haben eine weisse, silber-gleiche Farbe. Sie lassen sich zu strahlendem Glanz polieren, matt schleifen, ja sogar färben. Bei intensivem Gebrauch können sie Spuren bekommen, – sie altern kaum und wenn, dann mit Würde.
Edelstahlgeräte sind praktisch unzerstörbar, eine Anschaffung fürs Leben, ja vielleicht sogar vererbbar. Sie garantieren ein wartungsfreies und unbeschränktes Gebrauchen, sind nützliche und beständige Werkzeuge, die nicht kurzlebiger Mode oder schnellem Verschleiss unterliegen.
Sie sind vernünftig für den, der sich über Umweltverträglichkeit, Ressourcen und Recycling Gedanken macht.
Sie haben zwar nicht den Status von Silber, sind aber pflegeleichter, robuster und billiger, – nobel aber nicht protzig.
Sie sind erschwinglich, dank Serienfertigung, sind für Tisch und Küche gleichermassen geeignet, – demokratisch möchte man sagen.

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