Design als Brücke zur Welt

in: Entwürfe für die dritte Neuzeit, IFG Ulm (Internationales Forum für Gestaltung Ulm) 1995,
Anabas Verlag, Giessen 1996

Die “Brücke zum Verständnis der Welt”, meine Damen und
Herren, müssen Sie selbst schlagen.
Und ob Ihnen die Designer, die heute am Tisch sitzen, dabei behilflich sein können, bleibt abzuwarten. Alle, einschließlich mir selbst, machen etwas, machen etwas für die Hand, machen etwas für den Kopf, machen auch etwas fürs Gefühl.
Wir werden etwas darüber hören und zu sehen bekommen.
Als Gliederung und roter Faden, so dachte ich, könnten drei Begriffe dienen: die FORM – Gestaltung, die INFORMATIONS – Gestaltung und, vielleicht etwas ungewohnt, die SINN – Gestaltung.
Ob die Referenten das auch so sehen und die Begriffe
brauchbar sind, wird sich zeigen müssen.

(1) Beim altehrwürdigen Begriff der Form – Gestaltung
dachte ich gleich an “die gute Form”, an das, was der Werkbund einmal wollte, den guten Typ und das Massenprodukt für jedermann. Das ist Ihnen alles geläufig, wie auch die Beschimpfungen, die den Werkbund des Formalismus bezichtigten und ihn abfällig den “Tassenwerkbund” nannten, weil er meinte mit der “guten Form”, die selbstverständlich die schlichte war, auch den besseren Menschen zu machen.

Ich erinnere mich aber auch an einen Ausspruch von Ettore Sottsass anlässlich eines Symposiums in München, bei dem er sagte: “die Gute Form interessiert mich nicht”, was mich´nicht überrascht, aber als Nachfahre von Werkbund und Bauhaus doch gewurmt hat. Ich habe mir dann klar gemacht, dass das Provozierende in der “guten” Form liegen sollte, nämlich dem Anspruch zu wissen, was für jeden gut ist. Die Form konnte es nicht sein, zumal er selbst sie virtuos gehandhabt hat und die Postmoderne sich durch die Form erklärt und manifestiert hat.
Dann habe ich mich an ein Kapitel aus Andrea Branzis
Buch “Learning from Milan”erinnert. Es trägt den Titel
“those monks on the hill” und meint die HFG Ulm, gegen
die sie, die italienische Avantgarde, im Aufbruch gegen das
klassische deutsche Design zu Felde gezogen ist – gegen Rationalismus, Verwissenschaftlichung und puritanische Kargheit.
Ganz nebenbei bemerkt: Zum Schluss seines Kapitels stellt
er fest, dass ihm bei einem Besuch der HfG aufgegangen
ist, welch bedeutenden Beitrag die Schule für das internationale Design geleistet hat und sie, die junge Avantgarde in Italien, einen Feind gebraucht hätte, sie aber doch ziemlich im Nebel gerührt habe. Mir scheint, dass es doch sehr formale Beweggründe gewesen sind, welche die Avantgarde angetrieben haben.
Aber zurück zur Form-Gestaltung: Professionsgeschichtlich scheint der Begriff verbraucht zu sein. Und es stellt sich die Frage,
– ob das richtig ist,
– welche Bedeutung die Form heute hat,
– ob, in einer Zeit der Beliebigkeit, sie überhaupt einer Erörterung wert ist,
– oder ob sie das Vehikel ist, um Normen, Werte, Haltungen und Gefühle zu transportieren,
– ob sie Selbstzweck ist oder Mittel zum Zweck.

(2) Beim modernen Begriff der Informationsgestaltung erinnere ich mich, dass man schon in den sechziger Jahren vom Produkt als Informationsträger gesprochen hat: das Produkt als Botschafter des Unternehmens an den Konsumenten, dann an Jochen Gross und seine Ausführungen über Produktsprache: was das Produkt sein will und wie es zu benutzen ist, und an Michele de Lucchis Bemerkung, dass die wichtigste Eigenschaft eines Designers darin bestünde, die Ikonographie eines Unternehmens aufzugreifen und zu entwickeln: die ehrliche Interpolation einer hausgewachsenen Produktkultur als designerische Leistung.

Auf erweiterter Ebene wurde das Thema unter dem Begriff
“Produktsemantik” abgehandelt, bei dem die Theorien der
Zeichenlehre von Pierce und Bense herangezogen wurden.
Sie, die Produktsemantik, hat auch kräftig herhalten müssen, um Zeitgeist zu erklären. Die daraus entstandene “Bedeutungsgestaltung”, measurement of meaning, wollte die Information mit der Erwartung des Konsumenten verknüpfen – also anmutungsmäßig ausdrücken, was der Konsument fühlt und will, was letztendlich auch mit Sinngestaltung zu tun hat. Dabei ist zu bemerken, dass die Bedeutungsgestaltung affirmativen Charakter hat, also entwickeln will, was im Konsumenten angelegt ist, also nicht neue Normen verfolgt und normativ Ziele formuliert.

Zurück zur Informationsgestaltung:
Praktisch ist das Problem ganz einfach zu beschreiben,
nämlich sich in einer immer komplizierteren Umwelt zurecht zu finden, einen Fahrkartenautomaten zu bedienen, sich am Flughafen zurechtzufinden oder einen Computer zu handhaben, was Eberhard Stauss zu der Aussage bewogen hat: Formgestaltung = Bedienungsanleitung.
John Naisbitt spricht von der “high tech dissonance”, der
Resistenz gegenüber neuen Technologien und formuliert es
als wichtige Aufgabe des Designers, neue Technologien akzeptierbar zu machen.

Ganz zugespitzt ist es zu einem Problem des “Interface Design” geworden, der Gestaltung der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine oder Mensch und Artefakt. Und Holger van den Boom appelliert an die Intelligenz, an der es seiner Meinung nach mangelt. Nun ist auch Intelligenz ein schillernder Begriff, den er uns deuten muss.
Es stellt sich die Frage:
– was will die Informationsgestaltung,
– welche Mittel benützt sie,
– welche Ziele verfolgt sie.

(3) Damit ist auch die Brücke geschlagen zur “Sinngestaltung”: Wenn die Produkte “Werkzeuge für das Leben” sein wollen, müssen deren Gestalter auch eine Vorstellung vom Leben haben. Sich dabei auf die Wünsche des Konsumenten zu verlassen, auch wenn sie mit noch so feinen Mitteln erforscht sind, wäre irrig. Die Meinung des Konsumenten ist
wohl ernst zu nehmen, aber sie ist keine naturwissenschaftliche Größe, wie uns das Marketing das oft genug weismachen will – sie ist gestaltbar.
Wir sind unsicher geworden im Glauben zu wissen, was
richtig ist. Diese Unsicherheit hat zumindest den Vorteil,
dass, deutlich erkennbar und hörbar, die Sinnfrage gestellt
wird.
Aber was soll der Sinn sein?
– ist es die Rückkehr zum einfachen Leben, zu materieller
Selbstbeschränkung und Askese, ein Modell, das zu allen
Zeiten immer wieder propagiert wurde, aber nie eine gesellschaftliche Mehrheit fand,
– ist es der Appell an Vernunft und Rationalität, wo uns
doch ein Gang zum Sommerschlussverkauf die Emotionalität des Konsumenten vor Augen führt,
– ist es die mangelnde Intelligenz der Produktwelt, welche
den Käufer auf die falsche Fährte setzt,
– müssen wir “attraktivere Verhaltensangebote” entwickeln, damit der Konsument das gesellschaftlich Wünschenswerte auch annimmt und sich zu eigen macht,
– oder müssen wir Politik betreiben, Aufklärungsarbeit leisten, neue Steuersysteme propagieren, um damit die Umgestaltung der Wirtschaft und der Gesellschaft in die Wege zu leiten, was mehr ein politischer denn gestalterischer Auftrag wäre.

Ich habe meine Aufgabe darin gesehen, Fragen zu stellen,
mehr frag-ment denn state-ment, zu drei wichtigen, gestaltungsrelevanten und miteinander verknüpften Fragenkomplexen,
– zur FORM – Gestaltung, als anschauungsmäßigem Träger
von Information durch den Gegenstand,
– zur INFORMATIONS – Gestaltung als Transportmittel für Wissen und Benutzungshilfe,
– zur SINN – Gestaltung als gesellschaftlichem, ethischem und kulturellem Ziel.
Meine sukzessive und historische Einleitung könnte den
Eindruck erwecken, dass wir es mit einer geschichtlichen
Abfolge oder einer Professionsgeschichte der Gestalter zu
tun haben und die Frage nach dem Sinn die Aufgabe für die
“dritte Neuzeit” wäre. Das wäre falsch und ungerecht, denn
es würde implizieren, dass sich unsere “Väter” nicht mit
dem Sinn ihrer gestalterischen Tätigkeit befasst haben.
Die Frage nach dem Sinn gestalterischen Tuns ist, in guter
europäischer Tradition, immer ein Thema gewesen. Die
Frage nach den “Ideen vom guten und richtigen Leben” wie es Dieter Kramer nennt, sind immer ein Thema gewesen und müssen von jeder Generation neu interpretiert werden.
Und Helmut Krauch stellt auch kürzlich fest, dass Design
heute zu einem “sinnstiftenden Faktor in allen Lebensbereichen” geworden ist, – zu einer “Konfession”. Auch wenn uns heute das Wort schwer über die Lippen geht, das Wort “Haltung” hat in früheren Diskussionen eine entscheidende Rolle gespielt. Man wusste zwar nie genau, was inhaltlich gemeint war, aber man hat es immer mit einem glaubwürdigen und ethisch motivierten Bekenntnis assoziiert.

Dazu erlaube ich mir eine letzte Bemerkung, nun doch state-ment.
Der Designer muss erkennen, dass mit der Gestaltung des
Warenangebotes, er ein mächtiger Meinungsmacher ist, mit beträchtlicher Verantwortung und wirkungsvollen Werkzeugen ausgestattet; seiner gestalterischen Kompetenz, seiner Moral und seinen ästhetischen Mitteln zur “Verführung”, um das gesellschaftlich Wünschenswerte auch begehrenswert zu gestalten.
Dazu, zur Schärfung seiner Werkzeuge, soll ja auch unsere
Veranstaltung dienen.

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