Wertungen und Weltbilder

in: Ingenieurbauten, Wege zu einer ganzheitlichen Betrachtung, Abschlussbericht der DFG-Forschergruppe FOGIB an der Universität Stuttgart, 1997

Denkweisen

Denkweisen soll hier als ein Überthema verstanden werden, das ganz eng mit dem Thema Werthaltungen verknüpft ist und sich mit der unterschiedlichen Herangehensweise an Gestaltungsaufgaben befaßt. Im Laufe der Industrialisierung und Professionalisierung haben sich professionell bedingte Denkweisen entwickelt. Und es ist kein Geheimnis, dass Architekten anders denken als Ingenieure und diese wieder anders als Designer oder Künstler. Sie alle sind geprägt durch die Geschichte ihres Berufsstandes. Aus der aktuellen Baupraxis ist erkennbar, dass sich zunehmend Teams zusammenfinden, um gestalterische Aufgaben zu lösen und daß interdisziplinäre Teams eine größere Chance haben, die ihnen gestellten Aufgaben zu bewältigen. Um das Miteinander der Disziplinen zu erleichtern, (Transdisziplinarität, Mittelstrass), ist ein Verständnis für die Denkweise der anderen Disziplin von Nutzen. “Wir brauchen eine Klärung unserer gemeinsamen intellektuellen Basis, um uns fruchtbar weiter zu entwickeln”. (Tom Peters)

Schon im 16. Jahrhundert haben das Bauingenieurwesen und die Architektur sich auseinanderentwickelt, nachdem sie Jahrhunderte in einer Hand vereinigt waren. Die rasante Entwicklung der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert hat dem Ingenieurwesen eine Dynamik verschafft und dem technischen Denken des Ingenieurs wichtige Werkzeuge geliefert; Berechnungsverfahren z.B. Werkstoffkunde und Fertigungstechnologien. Die Architektur hat sich in der gleichen Zeit mehr den sozialen und ästhetischen Problemen gewidmet, was aus den theoretischen Schriften von Ruskin, Viollet-le-Duc, Choisy und Semper erkennbar wird. Sie hat sich damit befaßt, wie die Stadt aussehen sollte, wie der öffentliche Raum zu gestalten ist, wie die individuelle Behausung, und wie diese Ziele mit gestalterischen Mitteln ausgedrückt werden können. Als Folge der industriellen Revolution ist dann der Beruf des Formgestalters oder Designers entstanden, der gefordert war, Entwürfe für die entstehende Massenfertigung dem Publikumsgeschmack gerecht und der Maschine gemäß zu gestalten. Sein Berufsbild hat sich aus zwei Wurzeln entwickelt: aus dem Ingenieurwesen und aus der klassischen Architektur.

Diese ganz vereinfacht dargestellte Zielsetzung hat sich auch im 20. Jahrhundert nicht grundsätzlich geändert. Man kann auch feststellen, dass die Professionalisierung und Spezialisierung weiter fortgeschritten ist, dass jede Profession ihre eigene Sprache entwickelt hat und dass, bei Werturteilen, jede Profession ihre eigenes Selbstverständnis hartnäckig vor sich her trägt. Auch fehlt es nicht an Animositäten zwischen Architekten und Ingenieuren. Den Ingenieuren werfen die Architekten vor, dass sie nur an das Tragwerk denken und an die Wirtschaftlichkeit, dass sie wenig Sensibilität besitzen, wenn es darum geht, ein Brückenbauwerk in die Umgebung zu passen, dass sie einem Bauwerk keine Erlebnisqualität zu geben vermögen und dass sie keine formale Schulung besitzen. Es gibt auch die Forderung, den “Brückenbau wieder zu einem Architekturthema” zu machen, um nicht mehr “vermeintliche Ingenieurkonzeptionen in Ordnung bringen zu müssen” (Paulhans Peters). Den Architekten werfen die lngenieure vor, dass sie ohne Kenntnisse von Tragwerkslogik entwerfen, dass sie nur an der Gestalt interessiert sind, dass sie sich ihr eigenes Denkmal setzen wollen, dass sie eitel sind und dass sie überhaupt zu viel Öffentlichkeit dafür bekommen. Daneben gibt es zunehmend andere Meinungen, bezeichnender Weise von namhaften Ingenieuren formuliert, welche die Baukultur als Ganzes im Auge haben, “Baukunst ist unteilbar” (Schlaich) und in der Überwindung professioneller Denkweisen eine Chance sehen, die Qualität der gebauten Welt zu verbessern, “indem wir lernen, die Logik unserer berufseigenen Denkweise bewußter auszunützen” (Tom Peters) und wir uns “mit allen Mitteln gegen eine weitere Aufsplitterung wehren und den konstruktiven Bauingenieur in ganzer Breite fordern und fördern” müssen. (Schlaich) Dazu haben wir, als erste Voraussetzung, uns ein unvoreingenommenes Bild zu machen und mehr darüber zu wissen, wie die benachbarte Profession denkt, warum sie so denkt und mit welcher Zielsetzung.

1. Ingenieure denken primär mit Hilfe einer mathematischen Sprache und übersetzen die Realität in ein analytisches Modell. lhre Denkweise und Methodik sind das Ergebnis der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse im 19. Jahrhundert: Berechnungsverfahren, Werkstoffkunde, Fertigungstechnik, mit der die Ingenieure große Leistungen erbrachten. Ihre Denkweise ist prozessorientiert (Tom Peters). Sie befassen sich mit der ökonomischen Erstellung eines Bauwerkes und honorieren konstruktionstechnische Innovationen, die, in ihrem Selbstverständnis, Ausdruck ihrer fachlichen Leistung ist und Motor zivilisatorischer Entwicklungen.

2. Architekten sehen sich als die legitimen Vertreter einer geschichtlich gewachsenen Baukultur, der Architektur als der Mutter der angewandten Künste, in der das Ingenieurwesen und erst recht das Design nur ein moderner Appendix sind. Sie sind objektorientiert (Tom Peters) und verfolgen die visuelle Aussage, den Ausdruck, den Symbolgehalt, die Prägnanz und die formale Qualität eines Bauwerkes. Sie reklamieren, dass sie sich mit den sozialen Problemen der Gesellschaft auseinandergesetzt haben, denen nur sie Gestalt verleihen können, und berufen sich dabei auf unzählige Manifeste. Im Widerspruch dazu streben sie nach persönlichem Ausdruck und kultivieren die individuelle Leistung des Entwerfers.

3. Designer sind die jüngsten Mitglieder im Kreis der gestalterischen Berufe und sind als Abkömmling der etablierten Gestaltungsberufe anzusehen. Sie sind belastet und tragen den Rucksack ihrer Überväter, der Architektur und des Ingenieurwesens. Sie haben sich die Ausdruckswerte der Architektur zu eigen gemacht und das analytische Denken von den Ingenieuren gelernt. Sie haben sich mit den Wünschen des Konsumenten befaßt und Probleme der modernen Industriegesellschaft angegangen, die nicht von ihren Übervätern vorgedacht wurden: z. B. den Auswirkungen der Mikroelektronik. Sie sind dabei, sich von der Architektur und dem Ingenieurwesen zu emanzipieren und eine eigene Ästhetik zu entwickeln. Sie pendelt zwischen subjektiver Produktsprache und Anonymem. Es ist ein Ziel der FOGIB, den Diskurs zwischen den gestalterischen Disziplinen zu stimulieren. Sie geben unserer dinglichen Umwelt Gestalt, sie formulieren die Perspektiven der Gesellschaft, sie drücken zivilisatorische Werte aus, sie setzen Zeichen und sie schaffen Kultur. – “Was nicht geformt ist, ist nicht da”. (Gottfried Benn) Wenn man diese verantwortliche Zielsetzung akzeptiert, müssen professionelle Rivalitäten überwunden werden; die Grabenkämpfe zwischen lngenieuren und Architekten, die Sticheleien zwischen Architekten und Designern oder die Komplexe zwischen Designern und Ingenieuren. Vielleicht müssen auch noch freie Künstler einbezogen werden. Wenn die gestaltenden Berufe mit ihren partikularen Interessen nicht in’s gesellschaftliche Abseits geraten wollen und sie ihr Tun als zukunftsfähigen Beitrag für die Gesellschaft auffassen, darf es nicht um Abgrenzungsstrategien gehen sondern zuerst einmal um eine Solidarität aller gestalterischen Berufe.
Typologie der Gestaltungsauffassungen

…denn in seiner Gestaltung behauptet der Architekt seine Werte
und seine Moral. (Renzo Piano)

Im Wettstreit der Gestaltungsideologien geht es um Meinungen von individuellen Gestaltern, die alle bestrebt sind, öffentliche Anerkennung zu finden. Sie stehen mit ihrem Werk dafür, und ihre Vertreter untermauern ihre gestalterische Leistung mit Argumenten. Meist sind sie auch nicht so individuell zu sehen, sondern gehören zeitbedingten Strömungen an und werden mit Schlagworten charakterisiert und mit bestimmten Ismen belegt, die sie aber meist von sich weisen. Ganz ausgeprägt sind die Ismen in der Architektur, die sich am meisten mit stilistischen Problemen auseinandersetzt und heftige Richtungskämpfe ausficht. Architekten sind in formalen Dingen geschult und haben zur Beschreibung ihrer Absichten ein Repertoire an Begriffen entwickelt. Das klassische lngenieurwesen hat sich den stilistischen Diskussionen verweigert. Trotzdem lassen sich Einflüsse aus der Architektur nicht leugnen und sind zunehmend, auch bei Ingenieurbauwerken, auszumachen. Die Grenzen sind fließend geworden. Und ob die Annäherung an die Architekturästhetik dem Ingenieurwesen förderlich ist, bleibt noch zu diskutieren.

Beim Versuch, Gestaltungsauffassungen zu typologisieren, gibt es wenig Anhaltspunkte. Im Vorwort des Kataloges zur Ausstellung über überbaute Brücken in London, merkt Peter Murray an, dass es unter den Wettbewerbsgewinnern Entwürfe gibt, die dem “High Tech”, dem “Dekonstruktivismus”, der “europäischen Auffassung” und dem “persönlich erzählenden” Stil zuzuordnen sind und meint, dass damit das ganze Spektrum gegenwärtiger Gestaltungsauffassungen enthalten ist. Das sind natürlich, aus der Architektur entlehnte, bekannte Ismen.

In einem Aufsatz mit dem Titel “Die Tragkonstruktion als architektonische Dominante” unterscheidet Stefan Polonyi, im Hinblick auf die Bedeutung der Tragkonstruktion in der heutigen Architektur, vier Gruppen: Bauwerke, bei denen die Konstruktion missachtet oder bewußt irritierend eingesetzt ist. Dazu zählt er Postmoderne und Dekonstruktivismus. Danach Bauwerke, die mit einer “nicht notwendigen Konstruktion” dekoriert sind, wozu er auch solche Bauwerke zählt, bei denen die technische Gebäudeausrüstung vorgeführt werden wie beim Centre Pompidou. Es folgt die dritte Gruppe, bei der “die architektonische Gestalt das Tragwerk selbst ist” und nennt als Beispiel Frei Otto. Als letzte und vierte Kategorie nennt er Bauwerke, bei denen die Konstruktion “nicht auffallen” soll, damit Fassade und Baukörper zur Wirkung kommen und nennt als Vertreter dieser Auffassung Jean Nouvel. Mit dem Versuch einer Typologie soll ein Verständnis für unterschiedliche Gestaltungsauffassungen geweckt und deren Argumentationslinien beschrieben werden. Sie will die Bedeutung von Auffassungen für die konkrete Gestaltung aufzeigen und das sprachlich/argumentative Repertoire ihrer jeweiligen Vertreter ausbreiten. Sie will Sprachfähiqkeit herstellen, um den schwierigen Dialog zwischen den Disziplinen und Auffassungen zu befördern. Eine Typologie der Gestaltungsauffassungen kann keine konkreten Anweisungen für die Gestaltung geben. Aber sie kann erklären, Positionen beschreiben und Argumente liefern. Sie erhofft sich davon einen nützlichen Beitrag zur Jurierungskultur.

Ideengeschichtliche Denkweisen

Beim klassischen Ingenieurbau steht die praktische Erfüllung einer Bauaufgabe, die Minimierung des Aufwandes, deren konstruktive Lösung, deren innovatives Potential, sowie das ästhetische Ideal nach Leichtigkeit und Eleganz, als Ausdruck professionellen Könnens, im Vordergrund. lhre Vertreter berufen sich auf praktische Kriterien und wollen die Konstruktion als ingeniöse Leistung verstanden wissen. Sie vertreten die Auffassung, dass konstruktives Können auch ästhetisch wirkt und schön sein kann, weshalb sie bestrebt sind, die Konstruktion transparent zu machen. Sie gehen davon aus, dass der Laie und Nutzer ihre Leistung nachvollziehen kann und respektiert. lhre prototypischen Bauten sind solche, bei denen das Tragwerk mit der Gestalt zusammenfallen. Sie sind so optimiert, dass kein Raum für individualistische Gestaltungsräume und Formalismen besteht.
Jörg Schlaich: “… mich mit Bauten beschäftigen, deren Gestalt wesentlich durch das Tragwerk bestimmt ist oder bei denen Tragwerk und Bauwerk dasselbe ist”, und “dass ein sichtbar gemachter Kraftfluss gute Formen verspricht.”

Stefan Polonyi: ”Damit die Konstruktion nicht zur Dekoration der Architektur missbraucht wird, sondern mit ihr im Einklang steht beziehungsweise selbst die Architektur darstellt, möchte ich darauf hinweisen, dass das Tragwerk vorrangig eine dienende Funktion hat. ”

Christian Menn: “Die wichtigsten Entwurfsziele im Brückenbau sind: Tragsicherheit, Gebrauchsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit und Ästhetik”. “Schöne Brücken sind deshalb immer relativ wirtschaftlich… ”

Kurt Ackermann: “Heute entstehen Bohrinseln, Seilnetzkühltürme, Aufwindkraftwerke, Weltraum- und Erdfunkstationen” und sind, “wie alle historischen Vorbilder, durch eine konstruktive Intelligenz geprägt.”

Renzo Piano: “Ich komme vom ‘Machen’ her; von der Baustelle, von der Erforschung der Materialien, von der Kenntnis der konventionellen und nichtkonventionellen Bautechniken” “Wer ist der Architekt? Vor allem Dienstleister. Diesen Appell an die Bescheidenheit sollte man sich jedes Mal vergegenwärtigen, wenn sich unsere Disziplin im Gewirr der Moden, der Stile, der Tendenzen zu verirren droht.”

Um ihre auf der Konstruktion beruhenden Ästhetik zu unterstreichen, haben in der Folge Architekten und Ingenieure das Konstruktive semantisch überhöht, um es zeichenhaft sichtbar zu machen. Sie haben moderne Bautechnologien zum Stilmerkmal gemacht, weshalb ihre Gestaltungsauffassung meist mit High Tech charakterisiert wird. Zuweilen sind ihre Interpretationen aber auch zur Dekoration geworden. Sie haben konstruktive Elemente zum Zeichen erhoben, gebäudetechnische Merkmale herausgestellt oder herstellungstechnische Elemente stilisiert. In gewissem Sinne ist das High Tech die auf Wirkung angelegte Fortführung der klassischen Ingenieurästhetik oder, anders ausgedrückt, der Versuch, “konstruktive Intelligenz” vorzuführen.

Richard Rogers: “Ich glaube an die großen Möglichkeiten von Wissenschaft und Technologie. Was das Ästhetische anbelangt, kann man mit der Technologie machen, was man will, denn sie ist ein Mittel und nicht der Zweck”. Beim Lloyds Gebäude “ein Stecksystem, bei dem sich die eigentliche Struktur außen befand”, …verschlossener als das eher “extrovertierte Centre Pompidou”, welches das Konzept der Offenheit weiterführte und bei dem “bestimmte Teile des Bauwerks hinzugefügt oder entfernt werden können, ohne die Balance des Ganzen zu zerstören.”

Eine ganz andere Gestaltungsauffassung offenbart sich bei Architekten und Ingenieuren, die von der strengen Tektonik abgerückt sind und ihren Ausdruck aus Metaphern der Mobilität ableiten, aus dem Schiffs-und Flugzeugbau zum Beispiel deren Symbolgehalt sie übernehmen und auf Architektur und Ingenieurbauten übertragen. Die Anmutung von Schiffsrümpfen, Deckaufbauten oder Flügeln ist gewollt. lhre Bauwerke rufen Assoziationen zu Skeletten oder sezierten Organismen hervor, deren Strukturprinzip ihnen Vorbild für Aufbau und Ausdruck ist. Man nennt sie vereinfachend Organiker oder Anhänger eines plastischen Formalismus, was ihnen nicht gerecht wird. Sie wollen dem Bauwerk eine spirituelle Dimension geben und verfolgen symbolische Inhalte. Sie suchen den plastischen Ausdruck und beziehen ihre Gestik aus der Natur. lhre überzeugendsten Bauwerke sind solche, bei denen der Symbolgehalt mit der Funktion zusammenfallen.

Die damit charakterisierte Gestaltungsauffassung kann man als Gegenprogramm zur akademischen Architekturästhetik ansehen. lhre Vertreter wenden sich ab von den klassischen Architekturprinzipien und fühlen sich eher der Ingenieurästhetik des 19. Jahrhundert verpflichtet, deren Innovationspotential und Ausdruckswerte sie schätzen.

Neu sind jedoch ihre Vorbilder, die sie eher in den Ingenieurleistungen des Flugzeugbaus oder der Raumfahrt finden. Und neu ist ihre Interpretation, dass das Organische als Strukturprinzip und formales Repertoire dienen soll; in der Verbindung von Skulptur und Anatomie, oder, wie es Kenneth Frampton ausdrückt, “die techne der Struktur sich in die poesis der dynamischen Gestalt verwandelt.”

Grimshaw: “Ich hoffe, daß wir in Zukunft keine Architektur mehr entwerfen, sondern veränderungs-und anpassungsfähige Organismen, die den ganzen Spielraum der jeweils jüngsten Technik nutzen. Wir werden es mit allem zu tun haben, was unsere Sinne wahrnehmen können: Wärme, Licht, Klang, Gefüge und Bewegung.”

Calatrava: “Der moderne Ingenieur hat zwei Eigenschaften, die ich sehr mag. Die eine ist ein empirisches Verständnis der Natur. Die andere ist die pure Kreativität”…”Meine Beziehung zu den sogenannten anatomischen Schemas hat mit dem Ansatz zu tun, mittels Modellen gewisse strukturelle Probleme lösen zu wollen.”

Future Systems: “…die Brücke als eine fließende und organische Form im Einklang mit den natürlichen Kräften der Flussgezeiten.” (Grimshaw , Bahnhof London, Future Systems, Brücke London).

Eine Gestaltungsauffassung, die sich ebenfalls als Antipode zur funktionalistischen Architektur versteht, welche nicht auf die Wahrhaftigkeit einer ehrlichen Konstruktion aus ist, sondern sie in den Dienst von Ausdruckswerten stellt, wird als Dekonstruktivismus charakterisiert. Seine ästhetischen Vorbilder kann man im russischen Konstruktivismus ausmachen, dessen Dynamik und Symbolcharakter sie zu Bedeutungsträgern macht und neu interpretieren will. Dazu entwickeln ihre Vertreter eine kristalline, antiorganische, abstrakte Produktsprache, auskragend, fliehend, fliegend, – eine durcheinandergewirbelte Collage statischer Bauprinzipien. lhre dynamische Tektonik steht im Gegensatz zur statischen Tektonik. Mit der Abkehr von Orthogonalität wollen sie Ausdruck, Dynamik und Fortschritt signalisieren und mit ihrer kristallinen Formensprache ausdrücken, dass das Gebaute im Gegensatz zur Natur steht. Darin unterscheiden sie sich grundsätzlich von den Organikern.

Zaha Hadid: “…dass man in der Tradition der Moderne ein Gebäude konstruieren konnte, das ziemlich abstrakt war …hin zu der Idee von Transparenz und massiven Materialien …die Transparenz wichtiger als die ökonomische Anordnung…ist …und inwiefern sich diese Komponenten gegenseitig beeinflussen.”

Daniel Libeskind: “Das Konzept des ‘Bauplatzes’ als Puzzle wird abgeleitet aus den symbolischen Fragmenten der Erinnerung an den Potsdamer Platz.”

Coop Himmelblau: “Architektur muß als Medium eines expandierenden Lebensgefühls definiert werden.” “Eine zeitgemäße Architektur wird es dann geben, wenn die Plätze, Straßen, Gebäude und Infrastrukturen die Spannweite der städtischen Realität erkennen lassen und in der Trostlosigkeit der Stadt zu Zeichen einer faszinierenden Verwahrlosung werden”:

“Und diese Architektur hat die Botschaft: Alles was gefällt, ist schlecht”:

(Libeskind , Berlin… Gehry, Weil am Rhein, ….)

Postmoderne Positionen, ein weit gespanntes Feld unterschiedlicher Gestaltungsauffassungen in Architektur, Design und gelegentlich im Ingenieurwesen, haben etwas gemein. Sie negieren Sullivans Aussage, dass die Form der Funktion folgt. lhre Vertreter verstehen sich als Avantgarde, die es geschafft hat, die konventionellen Kriterien der klassischen Architektur zu durchbrechen. Sie sind der Auffassung, dass sie die über die praktische Funktion hinausweisenden metaphysischen Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen haben und dass Architektur nicht in erster Linie Konstruktion, sondern ein Mittel der Kommunikation zu sein habe. (Venturi)

Die einen beziehen sich dabei auf archaische Metaphern wie Höhle oder Burg. Ihr Ideal ist Schwere, Zeitlosigkeit, Monumentalität und lokale Formensprache, woraus sie ihren Symbolgehalt beziehen.

Andere wiederum bemühen die Stilismen der Vergangenheit, mit denen sie ihre Verbundenheit mit historischer Baukunst dokumentieren wollen. Sie wollen dem Laien gefallen und dem Bildungsbürger Wiedererkennbarkeit signalisieren, weshalb ihre Kritiker sie Eklektiker oder historische Formalisten nennen.

Wieder andere orientieren sich an der Banalarchitektur amerikanischer Vorstädte, an der “Realität der Reklamewelt” mit ihren globalen Auswirkungen und an der Erlebniswelt von Walt Disney, die sie überhöhen und zur zeitgemäßen Architektur erklären. Sie apellieren an den Geschmack der Massen. lhre Kritiker bezichtigen sie deshalb eines “Bonbonbewusstseins” und einer populistischen Gestaltungsauffassung, die keine idealistischen Inhalte mehr transportieren will.
Botta: “Architekturist Gewalt gegen die Natur.”

Robert Venturi: “Unser Historismus sollte weniger Rivalität und mehr Stilgemisch verkörpern, wie der spielerische Eklektizismus der Gartenpavillions des späten 18.Jahrhundert”; “Mainstreet is almost alright.”

Rob Krier: “Da das Dorf keine eigene Kirche besitzt, habe ich vorgeschlagen, einen kleinen Turm zu bauen, um ein Merkzeichen zu setzen.”

Cesar Pelli: “Bildhauerei als Kunstform dringt immer mehr in die Architektur ein.”

Frank Gehry: “… das Schlagen der Schwanzflosse …wurde für mich plötzlich ein Problem von Architektur.” “Einfach weil es etwas ist, womit ich mich beschäftige?”… ”eine wie auch immer geartete architektonische Erfahrung zu machen”

Jaquelin Robertson: “Wir sind eben die Kräfte einer höchst kommerziellen Kultur und in dieser Kultur gilt nun einmal, dass Gebäude Produkte sind”… “endet in vielen Fällen mit kulturellen Verdauungsbeschwerden”…”ein typischer Fall von zu viel und zu schnell.”
Der Versuch einer Typologisierung wird sicherlich als eine ihren Vertretern nicht gerecht werdende Vereinfachung angesehen. lhre Absicht ist, aktuelle Gestaltungsauffassungen in einen ordnenden Zusammenhang zu bringen. Sie will das Spektrum der Gestaltungsauffassungen ausbreiten und hofft damit, Verständnis zu erzeuaen und den Dialog zwischen den Auffassungen zu stimulieren.
Werthaltungen, Gestaltungsauffassungen

Die Frage, was Werthaltungen oder Gestaltungsauffassungen mit der Gestaltqualität von Brücken zu tun haben, ist berechtigt. Sollte es doch die Ambition einer wissenschaftlichen Arbeitsgruppe sein, allgemeingültige, über subjektiven Gestaltungsabsichten stehende Kriterien zu entwickeln – ein legitimes Ziel. Ein Studium von exemplarischen Bewertungsläufen hat bald zu der Erkenntnis geführt, daß es “harte”, einfach überprüfbare und “weiche”, schwerer zu definierende und prüfbare Kriterien gibt. Bei der Untersuchung der “weichen” Kriterien hat sich bald gezeigt, dass die Unbestimmtheit deshalb zustande kam, weil der Bewerter selbst Teil der Bewertung ist und mit seiner Persönlichkeit eigene Erfahrungen und subjektive Werthaltungen einbringt. Damit bestimmt er in einem Bewertungsprozess, die Ziele und setzt die Prioritäten. Sein Urteil hat “setzenden” Charakter. Das Forschungsinteresse hat sich demzufolge von der Bewertung als Anwendung von Methoden mit allgemeinverbindlichen Kriterien zur Bewertung als kommunikativem Prozess, in dem subjektive Werthaltungen und gesellschaftliche Werte miteinander abgeglichen werden.

Das ist nicht einfach, weil die Begriffe Werthaltung oder Gestaltungsauffassung verschwommen und keineswegs klar definiert sind, ja nicht einmal als ein Problem erkannt werden. In ihnen stecken der altmodische Begriff Haltung und der gängige Begriff Auffassung, die zuerst einmal persönlichkeitsbezogen zu sehen sind. Dahinter verstecken sich grundsätzliche Fragen:

Gibt es überhaupt einen Kanon, der auf allgemeingültigen Kriterien und Gestaltungsmerkmalen beruht, wie es vielleicht einmal die Stilkunst war? Oder haben wir die Botschaft der Pioniere überhört, die zu Beginn des Jahrhunderts das Ende der Stile proklamierten und im Funktionalismus, der Reduzierung auf die (technische) Funktion, die Überwindung der tradierten Stilvorstellungen und die Befreiung von subjektiven Gestaltungsäußerungen sahen? Haben wir andere Werte entwickelt? Haben wir den Pluralismus so verinnerlicht, dass alles möglich ist? Was haben wir überhaupt noch in der Hand, um zu rationalen und allgemeingültigen Urteilen zu gelangen? Ist diese Frage nicht geprägt durch den nach rückwärts gewandten üblichen Kulturpessimismus, der die Zeichen der Zeit nicht wahrhaben will? Ist die weitverbreitete Technikfeindlichkeit eine Bremse des Fortschritts oder eine Chance? Und, letztendlich, was sollen wir vertreten, was sollen wir lehren und was können wir weitergeben?

Ein Blick auf die verschiedenen Bewertungsverfahren innerhalb der FOGIB und ein Blick auf die Praxis enthüllen, dass der Bewerter mit seinen Werthaltungen das Ergebnis seines Urteils färbt. Es geht dabei um das Selbstverständnis des Bewertenden, ob er sich als Anwender von Methoden sieht, als Operator, oder ob er sich als zielesetzender Gestalter in das Bewertungsverfahren einbringt.

Um das Thema zu problematisieren, soll, ganz empirisch, ein Blick auf zwei exemplarische Brückenwettbewerbe geworfen werden:

den Basler Brückenstreit,

der Thames Water Habitable Bridge-Wettbewerb London

Für die Vergleichbarkeit dienen die Fragen:

Wer hat teilgenommen?

Was wurde ausgezeichnet?

Warum wurde es ausgezeichnet?

Sie sollen das Thema illustrieren und Stoff zu Kommentaren und Interpretationen liefern.

Der Basler Brückenstreit

Der Basler Brückenstreit ist deswegen interessant, weil sich, wie kaum bei einem anderen Wettbewerb, Fachleute, Politiker und Laien öffentlich und ausgiebig zu Wort gemeldet haben. Zwischen 1978 und 1990 gab es dazu knapp 100 Artikel in der Presse. Es ging dabei um eine Rheinbrücke, die Alt- und Neu-Basel miteinander verbindet. Sie war baufällig geworden und, obwohl sie auf der Weltausstellung 1878 in Paris ein goldenes Diplom errang, nie als besonders glücklich angesehen worden. Jakob Burckhardt hat sie schon damals als häßlich bezeichnet. Sie mußte eine Höhendifferenz überwinden und stand vor einer historisch einmaligen Rheinuferkulisse.

Zuerst wurde eine Instandsetzung untersucht. Eine Arbeitsgruppe befasste sich mit dem Problem Instandsetzung/Verbesserung des Erscheinungsbildes und legte 1987 einen Bericht mit restaurativen und regenerativen Varianten vor. Das Basler Baudepartement kam zu dem Schluss, dass eine Renovierung unverhältnismäßig wäre. Es wurde dann 1980 beschlossen, einen nationalen Wettbewerb auszuschreiben, der 17 Entwürfe brachte, mit dem Entwurf von Bischoff & Ruegg an der Spitze. Der Große Rat gab der Regierung 1987 den Auftrag, den Entwurf von Bischoff & Ruegg zu einem Bauprojekt ausarbeiten zu lassen, was er 1988 mit einem zweiten Ratschlag bekräftigt hat. Das sachlich-nüchterne Bauwerk löste jedoch keine Begeisterung aus.

Inzwischen lancierte ein privates Komitee einen Entwurf von Santiago Calatrava, der dem Baudirektor den Entwurf einer neuen Brücke angeboten hatte, dort aber auf Ablehnung gestoßen war. Calatravas Entwurf machte Furore, stimulierte die Diskussion und bewog den Großen Rat, die Entscheidung zu vertagen und Calatrava eine Chance einzuräumen. Zugleich wurde Bischoff & Ruegg eine Überarbeitung bewilligt.

1989 wurde ein weiterer Entwurf der Arge Wettstein in die Diskussion geworfen, eine schlichte Balkenbrücke ohne die massiven Brückenköpfe und mit der Option der Horizontierung. Sie sollte gewissermaßen als Gegenentwurf zum individualistischen Calatrava-Entwurf verstanden werden.

Im selben Jahr wurde, nach Evaluierung der vier Entwürfe: Basisprojekt (Renovierung), Bischoff & Ruegg, Calatrava und Arge Wettstein, dem Großen Rat ein dritter “Ratschlag” unterbreitet, nämlich den überarbeiteten Entwurf von Bischoff & Ruegg zur Ausführung zu empfehlen. Für die vergleichende Bewertung dienten die Kriterien Technik und Konstruktion, Gestaltung, Ausführung und Termine, Kosten.

Inzwischen ist die Bischof & Ruegg-Brücke gebaut worden.

Kommentar: (Zitate sind kursiv gesetzt)

Wenn man die unzähligen Kommentare analysiert, kommt man zu Feststellungen, die vielleicht typisch sind und im Beispiel Basler Brückenwettbewerb das soziale und politische Klima einer Entscheidung haben.

1. Man spricht von technischen Problemen und verbirgt damit, daß die Brücke nicht gefällt. Man argumentiert mit Kosten. Kostenentwicklung und Baufragen werden scheinheilig zur Diskussion gestellt, was die eine Partei mit Vernunft begründet und die andere Partei als Kleinmütigkeit diskriminiert. Beim Calatrava-Entwurf gab es hingegen tatsächlich technische Probleme.

2. Obwohl den Bürger an erster Stelle die Frage beschäftigt, wie sich die Brücke in das ihm vertraute Stadtbild einordnet, ist die Argumentation dafür dürftig. Auf der Strecke bleiben die städtebauliche Diskussion. Auch wenn es Appelle gibt, den Umwelt-Bezug statt des Objekt-Bezugs zu berücksichtigen, und die Frage gestellt wird, ob eine Stahlskelettkonstruktion 200 Meter vor dem Münster vertretbar ist, gibt es für Angemessenheit weniger Argumente als Meinungen. Es gibt zwei Argumentationslinien:

Die eine Partei plädiert für eine Brücke mit Symbolcharakter und argumentiert, wie wichtig eine Brücke als Werbeträger für die Stadt ist: Bauwerke, die für Basel als Kulturstadt werben. Sie befürwortet ein Prunkstück, gewissermaßen ein Salonmobiliar für die Stadt und eine Herausforderung für den Stahlbau.

Die andere Partei ist dagegen, eine zu großspurige, zu prestigeträchtige, eine auffällige und unbescheidene Brücke vor dem Münster zu platzieren und kämpft mit allen Kunstgriffen einer Politik gegen den Calatrava-Entwurf. Sie attestiert der Bischoff & Ruegg Brücke, dass sie sich ganz sorgfältig ins Stadtbild einfügt, nicht als originell sein wollende Konkurrenz, sondern als subtile Ergänzung zu den historischen Ensembles am Rhein.

3. Hinter beiden Argumentationslinien liegen Werthaltungen, die das Urteil prägen. Es sind tief verinnerlichte moralisch/ethische Werte, die in ihrer ästhetischen Ausprägung, der Gestaltung eines Bauwerkes, Zustimmung oder Ablehnung finden. Beide Parteien reklamieren, dass sie sich nur der Sache verpflichtet fühlen und sind auch nicht in der Lage einzusehen, dass ihr Urteil durch das Filter ihrer Werthaltungen bestimmt ist.

4. Diese sich einander gegenüberstehenden Werthaltungen, die man ganz vereinfacht als wertkonservativ einerseits und als fortschrittsgläubig andererseits ansehen kann, überlagern alle Entscheidungen. Es sind Setzungen, die nur schwer durch rationale Argumente zu beeinflussen sind.

5. Und es fehlte letztendlich ein guter Entwurf, der die polarisierten Meinungen zu überbrücken vermochte, der insbesondere auf die Herausforderung der verschiedenen Uferhöhen eingegangen wäre.

Quellen: Unterlagen Baudepartement Kanton Basel-Stadt Dokumentation/Archiv Basler Zeitung, Basel 1991

Der Thames Water Habitable Bridge Wettbewerb

Der Thames Water Habitable Bridge Wettbewerb wurde von der Royal Academy ausgeschrieben und hatte die Unterstützung der Regierung. Mit dem Wettbewerb sollte eine öffentliche Diskussion in Gang gesetzt werden mit dem Ziel, die Möglichkeit einer bewohnten Brücke über die Themse zu erörtern. Die Ausschreibung forderte eine Brücke, welche den trennenden Charakter des Flusses reduzieren und die nördlichen und südlichen Stadtteile besser miteinander verbinden sollte. In einer zuvor erstellten Machbarkeitsstudie einer internationalen Management consulting Firma wurde auch nachgewiesen, daß die Brücke sich selbst finanzieren könnte durch die Vermietung von Büro-Laden- und Gastronomieflächen. Des weiteren sollte es Angebote aus dem Sektor Sport und Erholung, sowie aus dem kulturellen Sektor geben, welche ebenfalls Einnahmen erbringen sollten. Die Brücke solltebaubar sein, konstruktiv solide und wirtschaftlich und mit einer freien Spannweite von 160 Metern den Anforderungen der Port of London Authority entsprechen. In begleitenden Kommentaren wurde ausgedrückt, daß die Brücke Konventionen sprengen könnte, daß sie ein Meisterstuck der Architektur und Ingenieurkunst sein sollte, wenn sie auch gleichzeitig eine Vision der Zukunft für die Stadt ausdrükke.

Sieben namhafte Architekturbüros wurden dazu eingeladen. Bei der Auswahl wurde auf a broad spectrum of approaches to urban problems gelegt. Nur drei der ausgezeichneten Brücken sollen aus Raumgründen hier näher betrachtet werden. Ausgezeichnet wurden:

Zaha Hadid mit einem Entwurf, dessen wesentliche Merkmale eine Reihe von unabhängigen Volumina sind, die von beiden Seiten in den Fluß ragen und die städtebauliche Idee der Annäherung der beiden Stadtteile sinnfällig machen sollen. Die Flußmitte ist von Baukörpern frei gehalten und soll den Durchblick auf die Stadtkulisse nicht beeinträchtigen. Sie wird durch filigrane Fußgängerwege überbrückt. Das öffentliche Leben spielt sich auf der untersten Ebene ab, die offen ist. Darüber sind in den fünf prismatischen Röhren Räumlichkeiten für Büros, Studios, Werkstätten und Wohnquartiere.

Antoine Grumbach mit dem Entwurf einer “Gartenbrücke”. Sie besteht aus drei Teilen: einem öffentlichen Raum auf der Südseite in der Gestalt eines Gewächshauses mit geschwungenem Dach, zwei mächtigen Türmen auf der Nordseite, die Hotels, Restaurants, Konferenzräume und Wohnquartiere enthalten und mit einem geschwungenen Dach gekrönt sind. Der dazwischen liegende Teil ist von den Türmen abgehängt nach dem Prinzip einer Schrägseilbrücke und besteht aus GartenArkaden.

Branson Coates mit einem Entwurf, den er “Brücken-City” nennt. Er besteht aus zwei kugeligen Hotel-Türmen auf der Südseite, aus denen sich eine liegende organische Form entwickelt, die sich bis auf das nördliche Ufer erstreckt. Bullaugenfenster ermöglichen die Sicht auf den Fluß und ihr Dach ist öffentlich zugänglich. Seine Netz-gespannte Haut soll eine irisierende Oberfläche bekommen, die sich je nach Lichteinfall ändert und nachts schimmert.

Der Londoner Brückenwettbewerb fußt auf verschiedenen Zielsetzungen: Einmal der Absicht, die zwei Stadtteile zu verbinden, um die Infrastruktur zu verbessern. Dazu kommt die Idee, die Finanzierung des Projektes durch eine Bebauung und Vermietung der durch die Bebauung entstandenen Flächen zu gewährleisten. Immer wieder angeführt wird das Argument, daß neue Brücken die Stadt für den Tourismus attraktiv machen, “der in Zukunft die größte Einnahmequelle für die Stadt werden könnte”. Deswegen müßten die Brücken ein begehbares Symbolsein, a symbol you can walk on, ein Stadtzeichen, focal point und mächtiges Symbol, powerful symbol für Entwicklungsvorhaben und Entwickler. Die London Habitable Bridge Competition steht in Zusammenhang mit anderen Brückenprojekten in London und hat eine lebhafte Diskussion entfacht. Man spricht von Pontomania.

Auch die Kritiker kommen zu Wort, die fragen, was man überhaupt zu verbinden gedenkt. Brücken sollten nicht gebaut werden, weil man am Entwerfen von Brücken interessiert ist, sondern die Frage beantworten, wie man auf die andere Seite gelangt. Auch von stilistischen Gymnastikübungen ist die Rede und schwergewichtig wird von ihnen das Argument vorgebracht, daß die Themse ein öffentlicher Ort ist, ein Gut, das man nicht privaten Investoren opfern sollte.

Kommentar

1. Der London Habitable Bridge Wettbewerb markiert ein neues Bewußtsein bei Politik und Offentlichkeit in England, das man einem Brückenbauwerk entgegen bringt. Er ist ein Zeichen dafür, daß man der sichtbaren Verbesserung der Infrastruktur und ihrer gestalterischen Umsetzung als soziales Zeichen eine besondere und politisch wirksame Aussage beimißt. Man kann darin auch eine nach rückwärts gerichtete Orientierung an nostalgischen Ingenieurleistungen der Vergangenheit erkennen, a rearguard nostalgic love of manifest technology. London als booming city, als florierende Hauptstadt, ist auf der Suche nach wahrnehmbaren Zeichen ihrer Bedeutung im Wettbewerb mit anderen Hauptstädten.

2. Man hat sieben Architekturbüros eingeladen, von denen man Anregungen für Nutzung und Gestalt versprochen hat. Sie sollten Perspektiven für die Entwicklung der Stadt in baubare Projekte umsetzen. Ihre Entwürfe sollten Investoren animieren und die öffentliche Diskussion befördern.

3. Zu bemerken ist, daß die ausschreibende Behörde nur Architekten zum geladenen Wettbewerb aufgefordert hat. Offensichtich hat man das Problem nicht im Entwurf eines technischen Brückenbauwerkes gesehen und den Ingenieuren die Bewältigung eines städtebaulichen Problems nicht zugetraut. Daß die geladenen Architekten sich alle mit namhaften Ingenieurbüros zusammengetan haben, die auch erwähnt werden, ändert daran nichts. Sie stehen im zweiten Glied.

4. Der Wettbewerb sollte Anworten geben, wie die Ansprüche einer zukünftigen Gesellschaft zu formulieren und in Erlebniswerte umgesetzt werden könnten. Die Antwort der Entwerfer lauten: Neben Wohnen in elitärer Lage mit einmaliger Aussicht, Hotellerie, Gastronomie, shopping mit ein wenig Nostalgie und lokalem Kolorit, ein wenig Grün, ein wenig Sport und ein wenig Kultur, – und das in der Gestalt von stadträumlichen Erlebnissen, von architektonischen Sensationen und zeitgemäßen Anmutungen.

5. Der Wettbewerb überrascht durch die extrem unterschiedlichen Ergebnisse der Jury. Zaha Hadid und Daniel Libeskind als Vertreter des Dekonstruktivismus, Future Systems und lan Richie als Vertreter von High Tech, Antoine Grumbach und Leon Krier als Vertreter einer europäischen Auffassung und Branson Coates als Vertreter eines erzählenden, persönlichen Stils. So der Kommentar von Peter Murray im Katalog der Ausstellung Living Bridges in der Royal Academy.

6. Alle Ismen der gegenwärtigen Architektur sind im Ergebnis der Jury zu Worte gekommen. Sie hat auch alle gezeigt und einer Befragung des Publikums anheimgestellt. Offenbar wollte man damit eine öffentliche Präferenz für eine bestimmte Gestaltungsauffassung eruieren, um damit den Investoren eine Entscheidungshilfe zu geben.

7. Hier geht es um einen Wettbewerb der Gestaltungsauffassungen und um die Deutung gesellschaftlicher Werte durch Gestaltungseliten. Mit ihren gestalterischen “Setzungen” wollen sie einem Bauwerk “Sinn und Bild” geben.

8. In der Vielgestaltigkeit der ausgezeichneten Entwürfe kann man einen Mangel an einheitlicher Meinung der Juroren ausmachen und die Frage stellen, ob das Nebeneinander verschiedener Gestaltungsauffassungen zum Stilmerkmal einer pluralistischen Gesellschaft geworden ist oder ob man “den tiefergehenden Problemen einer Kultur ausweicht, die sich kollektiv bemüht, ihre längst verlorene Unschuld zurückzugewinnen” (Stanley Tigermann). Wenn es zu diesen Fragen Erklärungen braucht, kann man sie vielleicht in den professionell orientierten Denkweisen und in den Gestaltungsideologien ihrer Entwerfer finden. Wenn man nach einer Haltung sucht, muß man sie auf ihren sozialen Nutzen prüfen.

Quellen. Katalog zur Ausstellung Living Bridges, London 1996 Blueprint Supplement London Bridges London 1996

Kunststücke und Standards

1. Ein Standard bedeutet umgangssprachlich das Normale, die Richtschnur und auch das Mustergültige. In der wissenschaftlichen Literatur enthalten Standardwerke das Anerkannte und Bewährte. Sie sind grundsätzlich ein Fundament der zeitbedingten Erkenntnisse. Im Gestaltungsbereich versteht man unter Standard solche Leistungen, die prototypischen Charakter haben und zum professionellen Repertoire geworden sind. Eng verbunden ist damit der Begriff der Standardisierung, der Vereinheitlichung und Normung von Produkten, um sie auf den nationalen und internationalen Märkten austauschbar zu machen. Dieser Prozeß mündet in die Globalisierung der Warenwelt. Auch im Ingenieurbau gibt es Standardisierungen.

2. Sein Gegenteil ist das Besondere, die vom Standard abweichende Gestaltungsleistung. Meistens ist sie individuell geprägt und eine situationsbedingte Antwort auf eine konkrete Entwurfsaufgabe. Im besten Sinn ist sie eine innovative Lösung und will im schlechten Sinn nur Aufmerksamkeit erheischen.

3. Ein in der Debatte über das Allgemeine und das Besondere vielgebrauchter Begriff ist das Typische. Mit ihm sind zum Standard gewordene Gestaltungsleistungen gemeint, die, oft anonym entstanden, das Wesentliche und Bewährte repräsentieren. Mit dem Typischen wird der als nützlich verstandenenen Standardisierung eine ideelle Dimension hinzugefügt, im Sinne von Vewesentlichung, Allgemeingültigkeit, höchster Gebrauchstauglichkeit und gesellschaftlichem Nutzen.

4. Das Thema Standard und die Diskussion über das Typische haben eine lange ideengeschichtliche Tradition, die im deutlichen Gegensatz zur hypertrophen Welt des augenblicklichen Warenkonsums steht. Die notwendig gewordene Beschäftigung mit Nachhaltigkeit im Design und Bauwesen verleiht dem Thema Aktualität und rechtfertigt den Blick in die Geschichte.

– Goethe hat Eckermann vom Binsenkorb erzählt, den er in Marienbad erstanden hatte. “Er ist nicht allein so vernünftig und zweckmäßig als möglich, sondern er hat auch dabei die einfachste, gefälligste Form, so daß man sagen kann: er steht auf dem höchsten Punkt der Vollendung.” Dieser Binsenkorb ist die heute noch käufliche Schutentasche, die durch Goethes Bemerkung als anonymes Produkt geadelt wurde.

– Zwei Ausstellungen haben das Thema neuerdings behandelt und den Versuch gemacht, das Anonyme, Gewöhnliche und den Standard zu würdigen: “Das gewöhnliche Design” (1976), in der mit den ausgestellten Standardprodukten ein Gegenpol zur vordergründigen Warenästhetik aufgezeigt werden sollte. Die Ausstellung “Low budget – der diskrete Charme des Alltäglichen” (1996) wollte mit ähnlichen Exponaten dem ungebremsten Konsumstreben einer überbordenden Warenwelt entgegenwirken. IFROI

– Prototypisch war die bekannte Debatte anläßlich der Kölner Werkbundausstellung 1914, in der Muthesius sagte, “nur mit der Typisierung, die als Ergebnis einer heilsamen Konzentration aufzufassen ist, kann wieder ein allgemein geltender, sicherer Geschmack Eingang finden.” Dem stand Van de Veldes Aussage gegenüber: “Solange es noch Künstler im Werkbund geben wird und solange diese noch Einfluß auf dessen Geschicke haben werden, werden sie gegen jeden Vorschlag eines Kanons oder einer Typisierung protestieren.” An anderer Stelle hat Franz Schuster pointiert, das (Kunst-) “Handwerk will die Formfülle, die Technik die Formknappheit.” /SCHI Die Werkbunddebatte illustriert an einer zeitbedingten Wende die Dialektik zwischen dem Künstler und dem auf Industrialisierung setzenden Gestalter.

– Im Zusammenhang mit dem “neuen bauen” im Frankfurt der 20er Jahre veröffentlichte Franz Schuster 1929 “Ein Möbelbuch”, in dem er seine grundlegende Arbeit über standardisierte Möbel vorstellte. “Die maschinelle Massenherstellung dieser Dinge zwingt uns, einen Typ zu suchen, der seiner Konstruktion und Ausbildung nach eine vielfache Wiederholung verträgt”, schreibt er im Vorwort zu seinem Buch und meint, daß es auf das “Wesentliche und Sinnfällige” ankomme, auf “das Elementare, das Grundsätzliche”, auf “unpersönliche und allgemeingültige Dinge”. Und man müsse, so fährt er fort, alles Beiwerk vermeiden, “das aus Laune und Anmaßung kommt”. Seine Entwürfe wurden auf allen wichtigen Wanderausstellungen der 30er Jahre gezeigt und von namhaften Firmen vertrieben

– Der Zweite Weltkrieg hat, wie die DIN-Normen im Ersten, der Standardisierung starke Impulse gegeben. Es ging darum, schnell zu erricntende und billige Bauwerke mit austauschbaren Konstruktionselementen zu planen. Mit der Grundlagenarbeit dazu war Ernst Neufert betraut, dessen Arbeit sich in einem bis heute geltenden Standardwerk niedergeschlagen hat. /NEU/

– In den 60er Jahren hatte das industrialisierte Bauen Hochkonjunktur. Besonders Konrad Wachsmann hat sich mit dem Thema “Massenproduktion und Standardisierung” /WAM/ befaßt. Die industrielle Entwicklung, so sagt er, zeigt “einen klar vorgeschriebenen Weg” und er spricht von einer “neuen Bauauffassung”, in der auch “neue Ordnungen neuer Standards” zu entwickeln wären. Der von ihm prognostizierte “Wendepunkt im Bauen” hat, wie wir heute wissen, dann doch in eine andere als die von ihm gewünschte Richtung geführt.

5. Wie die Geschichte zeigt, gibt es einen durchgehenden Dialog, den man in seiner Dialektik erkennen und so beschreiben kann: Die Standards sind das Maß, das objektivierte, das Allgemeingültige, das Vernünftige, das Bewährte und das Wiedererkennbare. Sie wollen das Bewährte tradieren und allgemein verfügbar machen. Die Kunststücke sind das Besondere, das über das Maß hinausgehende, das Individuelle, das Innovative, das Überrraschende. Sie beanspruchen, die Richtung zu weisen und wollen neue Standards (Maßstäbe) setzen.

6. Wenn man das Thema auf den Brückenbau projiziert, stellt sich die Frage, wann sind die Standards und wann die Kunststücke gefragt. Gibt es eine Hierarchie der ingenieusen Zuwendung? Gestalten die lngenieure nur das. was ihnen soziale Anerkennung bringt? Wer beackert dann das Land des Alltäglichen, der Standards? Die Praxis zeigt, daß es Projekte gibt, die übernationale Ansprüche erheben und die Elite der lngenieure herausfordern. Sie werden international diskutiert. (Beispiel Straße von Messina) Es aibt Brückenbauwerke. die Svmbolcha” rakter haben sollen. Sie werden national diikutiei (Beispiel Londoner Brückenwettbewerbe). Daneben gibt es regional bedeutsame Bauprojekte mit öffentlicher Anteilnahme (Beispiel Basler Brückenstreit). Solche Lösungen entstehen aus Wettbewerben und stellen sich den Experten und der breiten Offentlichkeit.
Es gibt aber eine Unzahl von untergeordneten Bauwerken, die einfach so zu entstehen scheinen, indem sie von Behorden geplant und gebaut werden. Beispiele dafür sind die AutobahnÜberführungen oder Lärmschutzwände. Sie stehen am Ende der Bedeutungshierarchie und sind zumeist Stiefkinder der Gestaltung, obwohl sie in ihrer Anhäufung die Straßenlandschaft bestimmen und massiv in die Kulturlandschaft eingreifen. Es istkein gutes Zeichen der gegenwärtigen Baukultur, daß beträchtliche Mittel im gestalterischen Niemandsland verbaut werden, die sich der öffentlichen Diskussion entziehen.

7. Ein Blick in die Praxis: Auf der Autobahn zwischen Memmingen und Wangen kann man unterschiedliche Typen von Überführungen ausmachen. Das Tal ist weit und der Landschaftscharakter ändert sich nicht. Die Bedingungen sind also für alle Überführungen annähernd gleich. Man fragt sich daher, warum es auf wenigen Kilometern ein halbes Dutzend Brückentypen gibt und findet keine Erklärung. Man kann nur spekulieren, daß das Straßenbauamt dem Benutzer eine gestalterische Vielfalt bieten wollte, etwas Besonderes, für das es an dieser Stelle jedoch keinen erkennbaren Grund gibt. Wenn gestalterische Vielfalt nicht verstanden wird, erscheint sie als Willkür.

Auf der Autobahn zwischen Bellinzona und St. Gotthard fallen ansprechend gestaltete Autobahnüberführunqen auf. Man nimmt wahr, däß sie sich gut in die ~andschaft-integrieren.Die schweizer Straßenbaubehörde hat mit Sorgfalt einen Standard, entwickelt, um ihn wegen der ähnlich bleibenden Umgebung wiederholen zu können.

Bei solchen Brücken-Serien ist die Verwandtschaft zum Design größer als zur Architektur. Lärmschutzwände sind zu einem bedeutenden Element der Straßenräume geworden und für den Betrachter, der seinen Blick schweifen läßt, zu einem massiven Eingriff in die Kulturlandschaft.

Wenn man als Autofahrer übers Land fährt, kann man eine Vielfalt an sinnvollen Konstruktionsformen erkennen. Fragwürdig sind jedoch die modischen Stilismen, mit denen die Autofahrer vermutlich unterhalten werden sollen. Die populistische Einstellung hinter solchem “Design”, etwas “Aktuelles” zu gestalten, ignoriert den Landschaftsbezug und steht im Gegensatz zu einer Auffassung, die in Straßenbauwerken Langzeitprodukte sieht. Postmodern gestaltete Lärmschutzwände sind eine Beleidigung und Herabsetzung der Kulturlandschaft.

Das Bestreben der Brückenbauer, die Querschnitte zu optimieren und das Bauwerk filigran erscheinen zu lassen, wird- durch die Anbringung von Lärmschutzwänden oft sinnlos. Sie bewirken allein durch ihr Volumen visuelle Eingriffe. Sie sind daher nicht als notwendige Zutat anzusehen, sondern, im Interesse der behutsamen Einbindung in das jeweilige Umfeld, als wichtiges Gestaltungsthema.

8. Resümee: Die Antwort auf die Frage. wann Kunststücke und wann Standard angesagt sind, erweist sich als Ausdruck der Gestaltungsauffassung. Sie erfordert Augenmaß, Einsicht und Verantwortungsgefühl. Das Besondere findet immer eine öffentliche Aufmerksamkeit. Der Entwurf von Standards, von alltäglichen Bauwerken, stellt eine anspruchsvolle Aufgabe dar.

Comments are closed.