Mehr Appell denn Statement. Anmerkungen zur regionalen Design-Szene

In: designers cityguide zum Designers Saturday 13.+14.10.2001, präsentiert von design report, Stuttgart 2001

(1) Im Bewusstsein der Bevölkerung ist „Design“ ein Fremdwort, bestenfalls ein schillernder Begriff, der mit Verschönerung, Styling oder Oberflächengestaltung zu tun hat. Aber was sie alles dem Design verdankt, ist ihr nicht gegenwärtig. Das ist um so bedauerlicher, weil es in der Region zahlreiche Unternehmen, Designbüros, Agenturen und Einzelpersonen gibt, die vom Design leben und maßgeblich zum wirtschaftlichen und kulturellen Leben der Region beitragen. In nicht wenigen Fällen gehören sie zur internationalen Vorhut. In Baden-Württemberg haben wir zudem die größte Ausbildungsdichte im Design mit Hochschulen in Stuttgart, Karlsruhe, Schwäbisch Gmünd und Pforzheim.

(2) Ich meine damit auch nicht nur die Industriedesigner, wie sie im VDID vertreten sind. Der VDID muss seine Sicht erweitern, genau so die Architekten, die Möbeldesigner, die Ingenieure, die Restauratoren, die Fotografen, die Buchgestalter, die Illustratoren, die Typografen, die Kommunikationsgestalter, die Ausstellungsmacher, die Textilgestalter, die Modemacher, die Interface-Designer, die Software-Designer, die Event-Gestalter und was es noch so gibt.
Sie alle gehören zu den kreativen Disziplinen, die unsere dingliche Umwelt praktisch und ästhetisch prägen.

(3) Wir sollten zueinander finden und die professionellen Barrieren überwinden. Wir müssen uns um das Verständnis der anderen Disziplinen bemühen und gegenseitig deren Denk- und Arbeitsweise verstehen und respektieren lernen. Letztendlich geht es um die Solidarisierung aller gestalterischer Disziplinen, wenn wir Öffentlichkeit haben wollen. Und die brauchen wir.

(4) Wenn wir unsere Arbeit als Gestalter ernst nehmen, muss es uns ein Anliegen sein, sie auch öffentlich zu machen. Die einzelnen Berufsverbände sind zu schwach dafür. Wir müssen uns zusammentun, um uns in der politischen Landschaft und im Bewusstsein der Bevölkerung Gehör zu verschaffen. Das ist eine anspruchvolle Aufgabe, und der „Designers Saturday“ könnte der Anlass sein, dafür die ersten Weichen zu stellen.

(5) Was man sich ins Gedächtnis rufen muss:

Die bedeutendste Designsammlung der BRD, die Neue Sammlung, befindet sich in München. Dort hat man ihr ein eigenes Museum eingerichtet. Eine der ältesten Designsammlungen aber befand sich hier im Landesgewerbeamt (LGA). Man hat sie vor vielen Jahren an das Landesmuseum abgestoßen, weil man im LGA nur Wirtschaftsförderung betreiben wollte. Aus Personal- und Platzgründen muss sie dort zwangsläufig schlummern. Baden-Württemberg kann auf eine lange Tradition in der Gewerbe- und Designförderung zurückblicken. Für viele Länder ist sie Vorbild gewesen. Die Bemühungen, hier ein Technikmuseum einzurichten, sind leider erfolglos geblieben – und das in einer Stadt, die vom „High Tech“ lebt.

Es gibt in Stuttgart auch kein Architekturmuseum. Die Pläne der hiesigen Architekturpioniere werden in Karlsruhe und Frankfurt gesammelt. Und wo ist etwas zu erfahren über die bedeutenden Leistungen hiesiger Bauingenieure? Der Stuttgarter Fernsehturm ist zu einem internationalen Prototyp geworden. Die maßgeblichen Pioniere moderner Seilnetzkonstruktionen kommen aus Stuttgart. Aber wer weiß das schon?
Auch das grafische Gewerbe hat nicht einmal einen Schaukasten, obwohl hier bedeutende Buchgestalter,Typografen und Fotografen tätig waren und noch tätig sind. Stuttgart als verlegerischer Standort war einmal bedeutend. Stuttgart und Ludwigsburg sind dabei, ihre Bedeutung als Medienstandorte zu beweisen.

Es gab eine Stuttgarter Schule in der Architektur, es gab eine Stuttgarter Schule im Grafikdesign, im Möbeldesign und in der Glasgestaltung. Und das Industriedesign braucht sich auch nicht zu verstecken. Der Deutsche Designerverband wurde in Stuttgart gegründet und unter der Postleitzahl 7 ist etwa ein Viertel der in der BRD registrierten Designer zu finden.

Es gibt in Stuttgart gestalterische Traditionen, die weit über die Region gewirkt und zuweilen an der Vorfront der internationalen Avantgarde gestanden haben.

(6) Die gestalterischen Disziplinen brauchen ein „Fenster“, einen Raum, einen Ort, ein Museum, eine Möglichkeit, um ihre Leistungen der Öffentlichkeit in Theorie und Praxis vorzustellen.

Wir selbst brauchen ein „Fenster“ für den Blick in die Vergangenheit, weil wir nur aus dem Vergleich mit ihr unsere gegenwärtigen Wertvorstellungen entwickeln können.
Wir brauchen ein „Fenster“ für die Zukunft, weil wir unsere aktuelle Arbeit öffentlich machen wollen und öffentliche Kritik brauchen.
Wir müssen einen übergeordneten Standpunkt einnehmen, um die Bedeutung von Gestaltung, in breiter und offensiver Form, als Teil allgemeiner Lebensqualität herauszustellen.
Wir sollten eine überprofessionelle, schlagkräftige Fraktion bilden und das mit vereinter Kraft fordern – ein „Fenster, einen Ort, ein Museum – ein Design Haus? (Mit dem Literaturhaus ist das ja auch gelungen.)

Ich bin zuversichtlich, dass die vom Design lebenden Unternehmen der Region, die Berufsverbände, die Hochschulen und auch die Kommune eine derartige Initiative unterstützen werden.

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