Der Werkbund – Fragen und Gedanken zur Neuorientierung

in: werkundzeit, Zeitschrift des Deutschen Werkbundes, April 2002

Der Werkbund im Jahre 2002

Wenn wir uns vergegenwärtigen, was der Werkbund einmal war – 2007 feiert er sein 100-jähriges Jubiläum, 2002 feiert er 75 Jahre Weißsenhofsiedlung – , müssen wir zuerst einmal dankbar sein, dass seine Väter uns Maßstäbe gesetzt haben, an denen wir uns messen können, sagt Bazon Brock. Bei unseren Überlegungen für die Zukunft müssen wir aber an der Gegenwart ansetzen und uns fragen: Was bedeutet uns der Werkbund heute, wo sind die Übereinstimmungen mit den Zielen unserer Väter und wo liegen, aus heutiger Sicht, die Unterschiede. Wenn wir das herausschälen können, würde der ideologische Rucksack leichter und die Zukunft des Werkbundes etwas konkreter erscheinen.
Die Verdienste des Werkbundes sind genügend beschrieben worden. Wir leben davon und profitieren von seinem Renommé, das in Insiderkreisen hohe Anerkennung genießt.
Eine selbstkritische Analyse muss Fragen stellen. Zuerst einmal:

Wie andere uns sehen und wir uns selbst

Im Bewusstsein der Bevölkerung ist der Werkbund, der mit sozialen und kulturellen Idealen alle gesellschaftlichen Schichten durchdringen wollte und sich aus einem breiten Spektrum unterschiedlicher Professionen rekrutierte, praktisch unbekannt. Das ist eine traurige Feststellung, zumal er angetreten war, sich in alle Themen der Lebensgestaltung einzumischen – in heutiger Terminologie, einen Beitrag zur Lebensqualität zu leisten.
Ich bin sehr nachdenklich geworden und glaube, dass, trotz vieler Aktivitäten und gelungener Veranstaltungen, der Werkbund in einer Krise ist – übrigens nicht zum ersten Mal -, weil die Ideologien seiner Gründungsväter nicht mehr taugen, sie aber von vielen seiner Mitglieder noch mit Genugtuung vor sich hergetragen werden und weil seine Nachkommen sie nicht aktualisiert haben.
Der Werkbund ist eine “Gesinnungsgemeinschaft”, so formuliert es Christopher Oestereich in einem Buch betitelt “gute form im wiederaufbau” mit einem Bild Ludwig Erhards in der Ausstellung “Die Gute Industrieform” vor einem Tisch mit Geschirr. Form war wichtig und die “gute Form” war das Etikett für werkbündisches Selbstverständnis. Doch hatte sie, auch wenn man nicht über einem Werkbundstil sprach, einen integrierenden Charakter – für den Werkbund wie für seine Gegner, die ihn den “Tassenwerkbund” nannten und ihn des Formalismus bezichtigten. Das ist despektierlich und trifft auch nicht das Wesen des alten Werkbundes.
“Eher Haltungen als Ziele sind fragwürdig”, meint Herbert Lindinger in seiner Analyse mit dem Titel “Ist der Werkbund noch aktuell” und macht einen
Gedankenstrich zwischen frag- und -würdig. Mit „Haltung“ sind immer, so vermute ich, Ehrlichkeit gemeint und redliches Bemühen um Funktion und zeitgemäßen Ausdruck. Das ist “würdig”.

Aber auf die Frage, was die zeitgemässe Form sei, sind die Antworten wolkig. Immer wieder taucht der Begriff der “Qualität” auf und impliziert, dass es dafür einen festgeschriebenen Kanon gibt. Von diesem aber kann man heute nicht sprechen. Deshalb hat der Werkbund heute, wenn er überhaupt als solcher wahrgenommen wird, kein klares Profil. Es ist ausgefranst, pluralistisch und schwer zu kommunizieren – Programmatiker haben es einfacher.

Wo liegen eigentlich die Knackpunkte?

(1) Mit dem Ende der “Stilkunst” sollte, mit dem Funktionalismus in den 20er Jahren, ein neues Kapitel gestalterischen Tuns eingeläutet werden. Er wollte die letztendliche Antwort auf die historischen Stilismen sein und die Form der Gegenstände auf die nackte Funktion reduzieren. Damit, glaubte man den ständigen Moden ein vernünftiges und zeitloses Modell entgegenzusetzen. Le Corbusier sagte, dass es keine Stile mehr gibt und die Euphorie, sie überwunden zu haben, hat seinen Protagonisten Überzeugungskraft verliehen. Sie wären sicherlich betrübt gewesen, hätten sie geahnt, dass wir heute von einem “Bauhaustil” sprechen und ihr Bemühen nur als eine Epoche in der Entwicklung der Ideengeschichte einreihen – zugegebenermaßen eine revolutionäre.

Ihre Antwort auf die Bedürfnisse des Konsumenten hat aber nicht funktioniert. Der Konsument ist nicht das rationale Wesen, welches unsere Väter herbeigewünscht haben. Ein Blick in das Kaufhaus lehrt uns anderes. Wir müssen den Konsumenten als emotionales Wesen akzeptieren und seine Wünsche und Ängste respektieren.

(2) Zu den Ängsten gehört die Unsicherheit gegenüber den neuen Technologien, die in unser Leben eingedrungen sind. John Naisbit spricht von der “high tech dissonance” die es zu überwinden gilt und Norbert Bolz sagt, “je komplexer die Welt, desto mächtiger ist die Einfachheit”. Mit den neuen Kommunikationstechnologien wird uns das täglich vor Augen geführt und bei den Black Boxes versagt das klassische Prinzip, dass die Form der Funktion folgt.

Wir haben die große und neue Aufgabe, Systeme, Patterns oder Netzwerke gesellschaftlich zu vermitteln und verständlich zu machen. Die Formgestaltung weicht der Informationsgestaltung. Die Gestaltung der technischen Welt verlangt eine Strukturierung, die unser Wahrnehmungsvermögen und unsere Verhaltensweisen begreift und durch intelligente Gestaltung handhabbar macht – einfach und sinnfällig.

(3) Wir tun uns schwer mit der “Multi-Options-Gesellschaft”, die in ihren ästhetischen Äußerungen und Vorlieben nicht auf Praktikabilität, sondern auf Ausdruck setzt. Sie ist eklektizistisch und hedonistisch und hat fundamentalistischen Prinzipien eine radikale Absage erteilt. Diese Gesellschaft will emotional angesprochen werden und kultiviert ihre vielfältigen Moden. Stil wird ihr zur Signatur der Persönlichkeit und in ihren vier Wänden inszeniert sie sich.
Welche Aufgabe hat das Design, hier im weitesten Sinne verstanden, im Spagat zwischen fundamentalistischen Prinzipien und pluralistischer Beliebigkeit ? “Design ist die Technik der Unterscheidung” sagt Norbert Bolz und “designieren” bedeutet, etwas bezeichnen. Gui Bonsiepe spricht von “Setzungen” und auch Heidegger könnte man anführen, der von “Zuhandenheit” sprach und damit, weitergehend, etwas bezeichnen wollte, das im Gebrauch aufgeht und sich als tauglich erweist.

Vielleicht zeichnet sich im Dickicht postmoderner Neuorientierung für die gestaltenden Disziplinen ein Weg ab: Der Entwurf von Optionen, von unterschiedlichen Angeboten für Lebensweisen Lebensformen und Lebenswerkzeugen, deren Brauchbarkeit im Leben selbst überprüft wird. Aus der Vielfalt wird das Taugliche herausdestilliert, das Untaugliche fallen gelassen. Viele Angebote eröffnen mehr Möglichkeiten. Erst wenn man die Extreme kennt, also eine große Spannweite der Möglichkeiten zur Verfügung hat, kann man die richtige Mitte finden. So gesehen, bekommt Pluralität einen neuen Stellenwert.

(4) Nachhaltigkeit war noch kein Thema der Werkbundväter. Sie haben nicht die Katastrophen erfahren, die Luftverschmutzung, die Chemieunglücke, die Bedrohung durch Atomkraftwerke, die Notwendigkeit, Energie zu sparen oder Ressourcen zu schonen. Nachhaltigkeit ist zu einer gesellschaftlichen Aufgabe geworden und es kann auch heute keine ernsthaften Gestaltungskonzepte geben, die das nicht respektieren. Das braucht nicht vertieft zu werden. Ein Aspekt soll jedoch herausgestellt werden, dass es nämlich nicht nur um die praktischen Erfordernisse, sondern um die zeichenhafte Umsetzung nachhaltigen Wirtschaftens geht. Werthaltungen werden ästhetisch vermittelt. Deshalb lautet die gestalterische Herausforderung, eine moderne Semantik der Nachhaltigkeit zu finden und damit Bewusstseinsbildung zu betreiben.

(5) Wenn man die Ideengeschichte des Design verfolgt, könnte man eine Mutation ausmachen von der Form- zur Informations- zur Sinn – Gestaltung. Aber das ist natürlich auch nur eine plakative Verkürzung und es wäre eine Ungerechtigkeit, wenn wir den Vätern des Werkbundes nicht zubilligen würden, über den Sinn nachgedacht zu haben. Es gibt nicht wenige, die das Design zur “sinnstiftenden Disziplin” erklären und ihm eine bewusst neue Rolle zugedacht haben. Wenn Design zur Sinnstiftung beitragen soll, es ist das “Medium der Welterschließung”, so Norbert Bolz, muss es sich von seiner Produktorientierung lösen und neue Kriterien für das entwickeln, was Lebensqualität bedeutet und die kulturelle Metapher der Industriegesellschaft ausmacht. Hier besteht ein Theoriedefizit der Macher und Gestalter, die den Dialog mit den Gesellschaftswissenschaften führen müssen.

Was sind die Chancen des Werkbundes ?

Der Werkbund ist keine berufsständige Vereinigung und deshalb frei von professionellen Zwängen. Interdisziplinarität ist in seiner Satzung angelegt und explizit gefordert. Ganzheitliches Denken ist ein durchgehendes Thema und soziale Verantwortung ein Grundprinzip. Der Werkbund zählt viele kreative Geister zu seinen Mitgliedern und verfügt über viele “Aktivisten”, die vor Ort gute Arbeit leisten. Sie sind die “Multiplikatoren” werkbündischen Handelns und leider nicht immer als solche in der Öffentlichkeit erkennbar.
Es sind nicht nur die Architekten, massiv im Werkbund vertreten, die aus ihrem ganzheitlichen Weltverständnis dazu prädestiniert und treibende Kraft im Werkbund sind. Es sind auch die Designer, die Ingenieure, die Photographen, die Graphiker, die Innenarchitekten, die Möbelgestalter, die Intertnet-Designer, die Wissenschaftler, die Publizisten, die Marketingstrategen, die Unternehmer, der Handel und viele andere, die unsere konkrete Lebenswelt bestimmen. Wir müssen unseren Horizont erweitern, die Sozial- und Wirtschaftwissenschaften einbeziehen, die Philosophen befragen und daraus Perspektiven entwickeln. Es wäre zu wünschen, sie alle unter dem Dach des Werkbundes zu vereinigen und eine Solidarität aller gestaltenden Disziplinen zu etablieren. Dazu müssen Gräben überwunden, Animositäten beigelegt und gegenseitiges Verständnis erarbeitet werden. Jede Profession hat ihre eigene Geschichte, ihr eigenes Selbstverständnis, ihre eigene Methodologie und ihre eigenen Wertmaßstäbe. Sie zu überwinden und unter einem Dach zu vereinigen, ist eine gewaltige soziale Aufgabe und muss eine Herausforderung für den Werkbund sein.

Wer sonst sollte diese Arbeit leisten?

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